Schießtraining | Gedankenwald
2009
12
Mrz

Schießtraining

geschrieben am 12.03.2009 in Medien, Politik, kurioses von Ganayan · 2 Kommentare

Ich hätte das Interview gar nicht gelesen, wenn ich nicht darauf aufmerksam gemacht worden wäre: Das moderierte Tagesschau-Chatinterview mit Thüringens Innenminister Karl Heinz Gasser (CDU) zum aktuellen Thema. Ich denke, wir haben alle die Halbwahrheiten und aus-dem-Bauch-Entscheidungen satt, die auf den Tisch kommen, wenn es um sogenannte “Killerspiele” geht, und sind es gewohnt, bei den diversen Berichten in den Medien ungläubig den Kopf zu schütteln. Das ist seit einiger Zeit auch meine Meinung.

Doch das verwunderte Augenreiben und die Ungläubigkeit, dass ein denkender Mensch solche Behauptungen aufstellt, wurden beim Lesen dieses Interviews noch einmal übertroffen. Der von der Tagesschau eingefügte Titel “Killerspiele machen Amokläufer fit” trifft es schon ganz gut – ich möchte Euch die Highlights nicht vorenthalten:

[...] Dies ändert aber nichts daran, dass ich zum Beispiel mit den anderen Mitgliedern der Gutenberg-Kommission zu dem Massaker in Erfurt feststellen musste, dass Steinhäuser sich über Monate und Jahre die Voraussetzungen für sein Verbrechen geschaffen hat, indem er ein hohes Maß an Fertigkeiten durch Killerspiele erworben hat. Ohne dies wäre es ziemlich ausgeschlossen gewesen, dass er es geschafft hätte, 16 Menschen innerhalb von circa zehn Minuten zu ermorden.

Na klar! Ich meine – wir wissen ja alle, wie realistisch so eine Maus sich anfühlt – gerade bei First-Person-Shootern, und dass die Killerspielespieler beim Bund immer am besten geschossen haben. Vor allem, wenn sie mit so etwas trainiert haben:

Killermaus.jpg

Da wäre es ja vollkommen sinnlos, über eine Änderung der Waffengesetze nachzudenken – oder … noch utopischer – über die psychologische Betreuung von Kindern und die Ausweitung der Verantwortungsbereiche der Lehrer.

Aber, dass man allein mit einer Maus keine Menschen erschießen kann, räumt Herr Gasser dann doch ein:

Natürlich wären die Verbrechen bei Amokläufen nicht ohne scharfe Waffen möglich gewesen. Und man hat ja aus dem Besitz solcher Waffen Konsequenzen gezogen in der Bundesrepublik bezüglich des Waffengesetzes und der Kontrolle von Waffenscheinen – auch bei Sportwaffen, Schützenvereinen et cetera. Bei Steinhäuser war feststellbar, dass die von ihm verwendeten Killerspiele ihn zu einer unglaublichen Zielgenauigkeit geführt haben und er bei seinem Amoklauf durch das Gutenberg-Gymnasium nur aufgrund dieser monatelangen Übungen in der Lage war, eine solche Anzahl von Menschen zu erschießen, obwohl er keineswegs ein sportlicher Typ war.

… was? Schon wieder? Also … ich glaube, wir brauchen ein paar Stimmen der Vernunft. Die gab es in dem Chat auch:

Sie glauben nicht ernsthaft, dass es das gleiche ist, eine Maus zu bewegen, die 200 Gramm wiegt, und eine Waffe, die Kilos wiegt…

[…]

Als ehemaliger Bundeswehrsoldat habe ich mit echten Waffen schießen müssen. Die Treffsicherheit habe ich durch Shooter nicht verbessern können. Der Vergleich hinkt.

[…]

Ach, kommen Sie. Hat er nicht viel eher durch Schusstraining die Zielgenauigkeit erlangt? Und wie war bitte feststellbar, dass es durch die PC Spiele zu dieser Genauigkeit gekommen ist?

…aber dort besinnt er sich auf sein Politiker-Basic-Skillset und lenkt ab, wechselt das Thema und geht nicht weiter darauf ein. Sehr schade.

Ich bin immer der Meinung, dass es Politiker nicht so schwer haben. Sie haben Gremien, die Informationen vollkommen aufbereiten und herunterbrechen. Was übrig bleibt ist einzig eine Entscheidung. Diese muss konsistent sein, mit dem Kurs der Partei, und sie müssen dahinter stehen, sie verteidigen. Sie begründen können, und ihre Beweggründe nachvollziehen.

Ich glaube, dass das leicht ist. Berichte durchlesen, in denen auch schon Argumentationsketten stehen – für Pro und Contra, und sich darauf basierend eine Meinung bilden. Doch wenn man aus dem Bauch heraus entscheidet, nach persönlicher Meinung, und dann plötzlich mitbekommt, dass das Thema etwas komplexer ist, als man es vorher dachte, und merkt, dass man sich doch besser informiert hätte … das ist schon peinlich. Finde ich.

Dieser Hang geht aber scheinbar mit dem Amt des Innenministers einher. Egal ob für Bund oder Land.


geschrieben am 12.03.2009 um 20:07 in Medien, Politik, kurioses von Ganayan · RSS 2.0-Feed der Kommentare.
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2 Kommentare zu “Schießtraining”

  1. rocxyz

    rocxyz sagt:


    13. Mrz 2009 um 09:04 Uhr

    Soziale Ausgrenzung, Hackordnungsverhalten und Gruppendruck zu verbieten ist eben zu schwer…

  2. Ganayan

    Ganayan sagt:


    13. Mrz 2009 um 09:30 Uhr

    Aye.

    Aber ich denke dann auch manchmal: Ist es … ist es wirklich so verrückt anzunehmen, dass man nicht alles verhindern, nicht alles erkennen kann? Und dass man bei dem Versuch, so etwas komplett präventiv auszuschließen, nicht viel mehr kaputt macht für etwas, das man niemals erreichen kann?

    Im Gegenteil – die Welt durch die Abschaffung unserer Freiheiten noch lebensunwerter macht und so noch klarere Voraussetzungen dafür schafft, dass sich Nonkonformisten ausgegrenzt fühlen?

    Ich habe gestern im Unterschicht-TV Journalisten und Polizeispreche gesehen, die Kameraüberwachung in Schulen, biometrische Zugangskontrollen und das Durchsuchen von Schülern legalisieren wollen *schüttelt sich*

    Wenn ich sowas höre, könnte ich kotzen. Ehrlich.

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